Kolumne

Schrank teilen - geht das überhaupt ?

Wenn zwei sich einen Schrank teilen, kommt’s schnell zu kleinen Rangeleien. Denn was haben seine Krawatten eigentlich zwischen ihren Seidenblusen zu suchen?
Kleideschrank Beleuchtung

Sie sagt: Anziehen? - Dazu genügt bei mir ein Griff.

Jedenfalls um eine der Türen unseres Kleiderschranks zu öffnen. Im Inneren kann es schon ein bisschen länger dauern, bis ich finde, was ich suche. Das Problem sind nicht bloß die beengten Platzverhältnisse darin. Früher, in meiner Single- Wohnung, hatte ich ein eigenes Ankleidezimmer: mit Kleiderstangen auf zwei Ebenen, Regalen bis unter die 3,60-Meter-Altbaudecke, einem Rollcontainer nur für meine kleine Strumpfsammlung. Unvorstellbar, dass mein Mann im Ernst glaubte, ich könnte für all das mit zwei seiner fünf Schranktüren zurande kommen.

„Schau, ich überlasse dir die Hälfte meines Platzes“, sagte er mit einem solchen Stolz, als ich bei ihm einzog, dass ich gar nicht wagte, ihn auf seinen Rundungsfehler hinzuweisen. Ich bestellte vier neue Schranksegmente dazu; blind vor Liebe sein heißt ja nicht auch rechenschwach sein. Trotzdem geht die Gleichung zunehmend schlechter auf. Denn was finde ich auf der Suche nach meinem roten Cocktailkleid? Sein Cordsakko. Und was lugt da unter meinen Seidenblusen hervor? Seine Lieblingskrawatte. Sämtliche 317 davon, um genau zu sein. Und was liegt dort, wo meine original 50er-Jahre-Nylons süß schlummern sollten? Die Bettwäsche für die gesamte Familie. Hinter seinen drei Schranktüren mag mein Mann, wie mit dem Lineal gezogen, weiße Hemden stapeln und Polos für alle Spieler der argentinischen Liga verwahren. Aber mit dem Rest seiner Kleidung unterwandert er kurzerhand meine.

Er sagt: Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen.

Ich hielt das für einen Spruch, bis ich meine Frau auf eine Expedition in ihren Kleiderschrank begleiten durfte. In den Schrank, der meiner war. Als Symbol unserer innigen Verbindung überließ ich ihr die Hälfte davon, als sie bei mir einzog. Zwei der fünf Türen. Erst eroberte sie sich durch schleichende Übernahme zwei Türen dazu. Dann klebte eines Tages ein Schwarzbau dran. Weitere vier Türen. Der neue Raum, in dem man einen Mittelklassewagen parken kann, wirkt wie ein Fingerhut ob der anschwellenden Altkleidersammlung meiner Frau. Was ich einmal an ihr sehe, begegnet mir auf ewig wieder im Schrank. Es scheint, als würden sich die Nylonstrümpfe, die sie hortet wie ein Eichhörnchen und dann in transparenten Originalverpackungen ungeöffnet lässt, heimlich vermehren.

Und können Sie mir irgendetwas aus dem weiblichen Kostümfundus nennen, das sich messen kann mit der Anmut und Disziplin, die ein zackig gebügeltes und gefaltetes weißes Herrenhemd ausstrahlt? Ich habe drei Stapel à zehn Stück davon, aus Londons Jermyn Street, die ich ausschließlich meiner Wäscherei anvertraue. Das ähnlich große Sortiment meiner Polohemden, in ebenso vielen Farben, verströmt aus Platzmangel seinen Regenbogencharme nun irgendwo unten, hinter irgendwas. Der Kleiderschrank ist ein Mikrokosmos, stellvertretend für die ganze Wohnung seines Besitzers. Den WQ meiner Frau, ihre Wohn-Intelligenz, kann ich ablesen an ihrem Schrank.

Sollte ich je wieder gefragt werden, warum wir nicht heiraten, habe ich eine Antwort: Wozu? Wir teilen uns doch schon einen Kleiderschrank!

 

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