Alltagskunst für alle

Henry van de Velde

Ende des 19. Jahrhunderts hebt der Architekt und Designer die Grenzen von Kunst und Handwerk auf. Mit guten Formen will das Multitalent die Welt und die Menschen ein wenig besser machen. Henry van de Veldes Ideen und seine Kunstgewerbeschule sind bereits Vorläufer der Bildungsstätte Bauhaus. 2013 feiern wir den 150. Geburtstag des Belgiers.

Begeistert von den Ideen englischer Reformer und der Arts and Craft-Bewegung will der junge Maler Henry van de Velde den Lebensstil seiner Zeit reformieren. Der dunklen Schwere des Historismus mit Portieren, Plüsch und Nippes setzt er die einfache, reine Form entgegen. Schöne, mit ihrer Umgebung harmonierende Dinge sollen erheitern und erheben.

1894 heiratet er die belgische Fabrikantentochter Maria Sèthe. Den Bau und die komplette Ausstattung des gemeinsamen Hauses Bloemenwerf in Uccle übernimmt er selbst. Naiv und ohne Erfahrungen verwirklicht er seine Vorstellungen: „Keine Lösung schien mir zu kühn und ungewohnt.“ Die Avantgarde aus Kultur und Kunst ist bei ihm ständig zu Gast. Die Kleider der Hausfrau sind auf die Farben des Esszimmers und die Speisen auf das Porzellan abgestimmt – „auf Kosten der guten Küche“, urteilt Maler Toulouse-Lautrec. Und was der spätere Oberbaudirektor Hamburgs, Fritz Schumacher, als „eigenwillig, aber von feinem Geschmack“ lobt, finden Passanten – meist Trauerzüge zum nahen Friedhof – höchst lächerlich.

Van de Veldes erste Ausstellung im Salon Art Nouveau in Paris 1895 provoziert den Schriftsteller Edmont de Goncourt zu dem Ausruf: „Das Delirium der Hässlichkeit!“ Trotzdem avanciert der Belgier zum großen Designer und Architekten des 20. Jahrhunderts. Absolut en vogue ist er schon, als er 1900 seine Berliner Werkstätten gründet. Wer sich modern einrichten will, bestellt die Möbel oder gleich das ganze Haus beim neuen Geschmackspapst van de Velde, der einem Kreis Intellektueller, Industrieller und Künstler, darunter Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal, angehört. Ihre Vision: eine neue Kultur, die dem neuen Zeitalter der Industrialisierung entspricht. Inspirationen liefern die Philosophie Nietzsches und der Neoimpressionismus.

Seine kreativste Zeit erlebt der „Alleskünstler“ von 1902 bis 1914 in Weimar als künstlerischer Berater des Großherzogs Wilhelm Ernst. Für Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche baut er 1902 die „Villa Silberblick“ um. 1907 vereint er Kunst und Handwerk in der Kunstgewerbeschule, „sechs Jahre vor der Gründung des Werkbundes und zwanzig Jahre vor dem Bauhaus!“, betont er später stolz. Gleichzeitig entsteht sein Privathaus „Hohe Pappeln“. Er baut Privatvillen und richtet Wohnungen für Baron von Münchhausen sowie den Publizisten und Mäzen Harry Graf Kessler ein. Im Haus „Hohe Pappeln“ und der „Villa Silberblick“ hält die geistige Elite von Ausnahmemenschen in Weimar Hof – sie redet vom „großen Stil“, als van de Velde noch den „neuen Stil“ sucht. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wird er als feindlicher Ausländer entlassen und schikaniert. 1917 gelingt ihm schließlich die Flucht ins Schweizer Exil.

Zum 150. Geburtstag des „Alleskünstlers“ lässt Architektin und Autorin Ursela Muschler seine wichtigsten Jahre Revue passieren und dabei auch seine Weimarer Zeit wieder aufleben: „Möbel, Kunst und feine Nerven“. Verlag Berenberg, Berlin 2012, 192 Seiten, 22 Euro.

 

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