Wohnreportage: Familienloft in Kreuzberg

Welcome to Berlin

Ein rastlos reisender Topmanager empfindet sein Loft im Szeneviertel Kreuzberg als Glücksfall. Wohnexpertin Barbara Mummenhoff hat es ihm mit Akribie und weiblichem Feinsinn auf den Leib geschneidert

Berliner Fernsehturm

So mancher Großstädter sehnt sich nach einem einsam gelegenen Haus am Meer. Hier war es umgekehrt.

Einar Björnsson entfloh der Weite und Ruhe Islands und wählte stattdessen Berliner Großstadttrubel. Seine neues Domizil ist eine ehemalige Fabriketage im Bezirk Kreuzberg. Hier will der rastlos reisende Topmanager mit seiner Familie Stadtferien machen, hierhin möchte er Freunde und Geschäftspartner einladen. Zugleich aber soll das Loft ein entspannter Wohnsitz sein, in dem man Projekte auf den Weg bringen kann.

Mit dieser kniffligen Aufgabe betraut er Barbara Mummenhoff. Sie soll 250 Quadratmeter Loft für ihn gestalten. Die studierte Sozialwissenschaftlerin mit Leidenschaft fürs Einrichten hat vor 17 Jahren ihr „Büro für Innenräume“ gegründet. Zu den Kundinnen gehört auch die ehemalige stellvertretende Botschafterin von Island. Begeistert von Barbara Mummenhoffs sensibler Arbeitsweise stellt sie den Kontakt zu ihrem Freund und Landsmann Einar Björnsson her. „Tendenziell minimalistisch, aber trotzdem warm in der Austrahlung sowie repräsentativ“, lautet sein Auftrag. Darüber hinaus wünscht Björnsson sich einen Esstisch mit zehn Stühlen, ausreichend Sitzplätze vor dem Kamin sowie zwei Meter breite Betten und Akzente in Rot, seiner Lieblingsfarbe Ein dynamischer Manager Mitte Vierzig mit kräftiger Statur, der geschäftlich in der Welt herumreist, alle zehn Minuten seine Mails checkt und selten zur Ruhe kommt – so nimmt Barbara Mummenhoff ihren Klienten war. Um ihn besser kennenzulernen, bittet sie ihn, in einem Buch Fotos von Räumen und Gemälden auszusuchen, die ihm spontan gefallen. „Er wählte überwiegend minimalistische Motive von fast wüstenähnlicher Leere, mit viel Grau und Schwarz“, erzählt die Kreative, „ein wenig traurig in der Anmutung.“ Sie nimmt sich vor, ihm eine Umgebung zu schaffen, die seinem Bedürfnis nach ruhiger Klarheit entspricht, aber auf eine sinnliche harmonische Weise, die Kraft spendet und entspannt.

Der Loftcharakter soll hervorgehoben werden, deshalb gehen die Bereiche Kochen, Essen und Wohnen fließend ineinander über. Abgetrennt sind nur Schlaf- und Badezimmer. Bei der Wahl des Bodenbelags lässt sich Barbara Mummenhoff von New Yorker Künstlerateliers aus den 60er-Jahren inspirieren. Die ehemaligen Fabriketagen hatten meist alte Böden aus schmalen Eichendielen. Sie waren robust und entwickelten eine attraktive Patina. Auf dem Markt findet sie nichts Passendes. Also lässt sie in Österreich entsprechende Dielen anfertigen. Sie werden geölt, gewachst und gebohnert, heute ist es ein Genuss, barfuß darüberzulaufen.

„Ein wärmender Kontrast zur kühlen Weite der Räume“, erklärt Barbara Mummenhoff. Die haptische Qualität der Einrichtung ist wichtiger Bestandteil ihres Konzepts. So wählt sie für die italienischen Sofas am Kamin samtig-weiche Bezüge. Alle Möbel sind hochwertig und solide. Esstisch und Bett aus Eiche spiegeln die robuste Konstitution von Einar Björnsson wieder und sollen seine Erdung nach dem Herumjetten in der Welt erleichtern, wie auch das Paneel hinter dem Bett, das in warmem Rot gestrichen ist. Die gleiche Farbe haben die „Egg“-Sessel von Designerlegende Arne Jacobsen (1902–1971). Mit dem hellen Wollteppich in der Weite des Lofts bilden sie eine gemütliche Insel zum Musikhören und für Gespräche. Fast ein Ebenbild der Sessel: das Fotomotiv an der Wand, das Freunde zum Einzug schenken. Die übrigen Bereiche sind dezent koloriert. Im Flur strahlen zartgrüne Wände wohltuende Ruhe aus – ein schöner Empfang, wenn man aus dem lebhaften Viertel heraufkommt. Das Ockergelb in der Küche ist ein Zitat aus der „Paris Bar“ und soll an die gesellige Atmosphäre des Berliner Szenetreffs erinnern. Damit das Loft auch für wenig Personen immer einladend wirkt, reduziert die Einrichterin die Zahl der Esstischstühle. Zwei der Thonet-Klassiker stehen in den Gästezimmern und werden bei Bedarf einfach geholt.

Einar Björnsson ist glücklich in seinem Berliner Loft – und begeistert von Barbara Mummenhoffs feinsinniger Wahrnehmung. Dabei hat sie ihre Kenntnisse als Sozialwissenschaftlerin genutzt: „Es ist möglich, mit der Einrichtung von Räumen positive Kräfte in Gang zu setzen und eine gedeihliche Atmosphäre zu schaffen, die weit über die offensichtliche praktische und ästhetische Dimension hinausgeht.“