Sitzkultur: Bitte Platz nehmen! Designklassiker von Thonet

Mit Dampf und Druck wurde einst der Stuhlklassiker „Nr. 14“ geformt. Bis heute schreibt Thonet Designgeschichte.

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Vor ein paar Wochen war ich im Sonntagsgottesdienst in der 1000 Jahre alten St. Michaeliskirche in Hildesheim. Seit 1985 gehört sie zum Weltkulturerbe. Während ich noch etwas müde zwischen all den imposanten Kunstschätzen umherblickte, entdeckte ich plötzlich auf der Stuhllehne vor mir ein blitzendes Schild mit der Aufschrift „Thonet“. Da fiel mir wieder ein, dass Peter Thonet, Marketingleiter des Frankenberger Möbelherstellers, mir neulich in einem Interview erzählt hatte: „Einen großen Teil unserer Umsätze machen wir im Objektbereich.“

Mit zeitloser Eleganz schmückt das Modell „471“ selbstbewusst das mittelalterliche Kirchenschiff. Der Rücken aus Formsperrholz ist typisches Merkmal für Thonet. Holzbiegen hat dort eine lange Tradition. Vor gut 170 Jahren begann Firmengründer Michael Thonet Buchenholz zu wässern, bei 100 Grad zu dämpfen und mit der Hand zu verformen. 1859 entstand „Kaffeehausstuhl Nr. 14“ – der erste Thonet-Klassiker. Allein bis 1930 wurden davon weltweit rund 50 Millionen Exemplare verkauft.

Ende der 20er-Jahre erweitert Thonet seine Kollektion um Möbel aus gebogenem Stahlrohr. Größen wie Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Mart Stam liefern Entwürfe, die erneut Designgeschichte schreiben, etwa den Schreibtisch „S 285“ – formschön und funktional wie alle Produkte der Bauhaus-Ära. Auch heute kooperiert man mit namhaften Gestaltern, etwa Naoto Fukasawa. Er kreiert das Stuhlprogramm „130“. Die künstlerische Leitung hat seit 2004 der Brite James Irvine, aus dessen Feder unter anderem das Sofaprogramm „S 5000“ stammt. Mit seinen gebogenen Kufen ist es eine Neuinterpretation der berühmten Stahlrohrklassiker aus den 30er-Jahren.

Das Familienunternehmen Thonet wird heute in fünfter Generation geführt. Ein Drittel der Möbel findet man in privaten Wohnräumen, den Rest in Büros, Banken, Hotels und eben auch Kirchen. Mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet, gehören sie zwar nicht zum Weltkulturerbe, aber für die Welt sind sie auf jeden Fall ein kultureller Meilenstein. Infos: www.thonet.de